Finally: a good book on historical vampirism in the 18th century

vamp copyThomas M. Bohn: Der Vampir. Ein europäischer Mythos. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2016. 368 S. Review in German

Worum […] gehts es […] in diesem Buch überhaupt? Es behandelt im Wesentlichen Störungen des friedlichen Abschieds der Lebenden von den Toten und die daraus erwachsenden Konsequenzen. Beide haben ihr Ursachen bzw. Manifestationen in zwischenmenschlichen Konflikten, die durch den Tod nicht gelöst wurden, oder im Ausbruch rätselhafter Krankheiten […] (S. 11)

Thomas Bohns Monografie über den Mythos des Vampirs ist der seltene Glücksfall eines fundierten, unspekulativen Buchs eines echten (Osteuropa-)Historikers zum Thema – nicht populärwissenschaftlich, ab doch sehr gut lesbar. Die Meriten dieser Arbeit liegen weiters in der Demystifizierung des dunklen Mythos (s.o.), dessen Ursprung sie richtig am osmanischen Balkan und nicht in Transsylvanien/Siebenbürgen verortet – eine falsche Biografie, die dem Vampir vom anglo-irischen Autor Bram Stoker, nicht aber von der Geschichte angedichtet wurde. So wirkt der Vampir hier auch nicht “Jahrtausende alt”, wie dies in esoterischen Zirkeln gerne behauptet wird; er ist kein geistiges Kind der Antike, sondern eher der Aufklärung (mit einer Vorgeschichte), das mit (Militär-)Grenzen, Kulturkontakt und einem vermeintlichen Zivilisationsgefälle zu tun hat. Damit wird Vampirismus letztlich auch zu einer “imperialen Kategorie”, wie Bohn richtig feststellt (S. 17), in der die Kolonisierung Ostmitteleuropas und des Balkans ebenso wie häufig latente Slavophobie eingeschrieben ist.

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In übersichtlichen Kapiteln rekonstruiert der an der Universität Gießen lehrende Autor die quasi-mythische Formation des zentral- und (süd)osteuropäischen Vampirdispositivs (im Sinne von Foucault), hinter dem der alteuropäische Glauben an den Revenant aus den Frühzeiten der Erdbestattung vermutet werden darf, zu einem gesamtkontinentalen Fantasma, das weit in die Populärkultur, Literatur, Film und Fandom ausstrahlt. In dieser Genealogie des untoten Blutsaugers figuriert der “okzidentale” Vampir”, d.h. der Wiedergänger des Mittelalters (S. 31-55) und der Nachzehrer der großen Epidemien der Frühneuzeit (S. 56-80) neben dem “Vampir im Orient”, d.h. der Upyr/Upiór des Kiewer Reichs (S. 81-90) bzw. der Vrykolakas bei den osmanischen Griechen (S. 90-108).

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In weiterer Folge fokussiert Thomas Bohn auf die “Entdeckung der Vampire” (S. 109-123), als zwei spektakuläre Vorfälle auf dem nach den Türkenkriegen besetzten habsburgischen Westbalkan sich wie ein Lauffeuer in Europa verbreiteten: die lebenden Toten von Kisolova (Kisiljevo) 1725 und Medvegya (Medvedja) 1732, die die serbischen Dorfbewohner in Schrecken versetzten und eine fact-finding mission des österreichischen Militärs auf den Plan riefen, deren Berichte heute noch in Wiener Archiven aufbewahrt werden. Es waren diese X-Files der Frühaufklärung, die dem Vampir seinen Namen gaben (der vorher in keiner Sprache existierte), und ihn kurzfristig zum epidemischen Streitthema der zeitgenössischen Theologie, Philosophie und Medizin werden ließen, bevor er bis zu seiner Exhumierung durch die Literatur der europäischen Romantik wieder ad acta gelegt wurde.

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Bohn rundet nun seine Studie durch Skizzen zum einschlägigen Volksglauben (“dämonische Gestalten” in Ost/Mitteleuropa, 159-199, sowie “verlorene Seelen im Donau-Balkan-Raum”, 200-272) ab, bevor er “Erkundungen im östlichen Europa” zu rezenten Vampirnarrativen nach dem Zweiten Weltkrieg (273-283) anstellt und die “Zuschreibungen in Deutschland” (273-287) – etwas kursorisch – untersucht. So bleibt etwa der letzte rumänische Vampirfall unerwähnt, der 2005 unter großem Medienecho stattfand, so dass er sich etwa auch ins Edmonton Journal im tiefsten Kanada verirrte.
Überlegungen zum Vampir als lokalem “Sündenbock” schließen das Buch ab. Sie sind nicht wirklich neu, hatte doch schon das doch schon der ungarische Historiker Gábor Glániczay in den 1980er behauptet, indem er die These aufstellte, die Vampir als Erklärungsmodell des Volksglaubens für traumatische Vorfälle in Gemeinschaften hätte diesbezüglich den Hexenglauben in der Region abgelöst. Bohn erweitert dieses Spektrum nun, indem er dem Vampir “drei [soziale] Funktionen” zuspricht”:
Zum einen eröffnete der die Möglichkeit, Botschaften aus dem Jenseits zu empfangen. Zum anderen verhieß er als konkretes Feindbild einen Konsens stiften Ausweg aus irrationalen Gefahren […]. Schließlich und vor allem diente er der Entlarvung von Störenfrieden und der Marginalisierung bzw. Eliminierung von Sündenböcken. Als anthropologische Grundkonstante für das Erscheinen der Verstorbenen in den Träumen und der Phantasie der Lebenden ist dabei das Nachwirken des schlechten Gewissens respektive die Bewältigung von Schuld infolge sozialer oder zwischenmenschlicher Konflikte festzuhalten. (S. 294f.)
Das große Plus des Buches ist wie gesagt, dass hier ein kenntnisreicher Geschichtswissenschaftler in überzeugender Weise Befunde aus den verschiedensten Kulturen Zentral-, Ost-, und Südosteuropas zusammenzuführen vermag – ein Forscher, der überdies noch zu scharfsinnigen Einsichten wie dem “imperialen Faktor” kulturanalytisch in der Lage ist und sich abgedrehte Spekulationen (wie etwa dem Blödsinn der ‘Vampir-Archäologie’) doch versagt. Äußerst stringent ist etwa die Beobachtung, dass die serbischen Dorfvampire und die anderen Wiedergänger meist gar nicht auf Blutsaugen sensu stricto aus sind…
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Hier ist nach den Arbeiten des französischen Altgermanisten Claude Lecouteux vom also Ende des letzten Jahrhunderts ein formidables neues Standardwerk entstanden, dem man seine minimalen – und angesichts der Materialfülle unvermeidlichen – shortcomings gerne verzeiht und das zum Weiterdenken einlädt: so z.B. in der Analyse, wie sehr sich der Vampir – und speziell sein Name – auch dem quasi-kolonialen Kulturkontakt zwischen ‘abergläubischen’ Balkan-Bewohnern und ‘aufgeklärten’ Rest-Europäern verdankt. Es war dies nämlich ein äußerst produktives interkulturelles Missverständnis, wie die bis heute anhaltende Faszination und Reproduktion des Vampirs in der säkularen Populär-Kulturindustrie unserer Tage zeigt, die Bohn ebenso wie die serbische Legende von Sava Savanović aus seinen Betrachtungen leider ausgeklammert hat – doch hierfür gibt es schon die ausgezeichneten Studien von Norinne Dresser (American Vampires, 1989) und Tomislav Longinović (Vampire Nation, 2011).
Text (c) Clemens Ruthner, to be published in Spiegelungen 2/2017
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